Der Kommisar erinnert sich an den Suizid des eigenen Vaters. Diesen hatte er als Kind tot, aufgehängt an einem Baum aufgefunden. Kurz danach schneidet sich der Kommisar die Pulsadern auf, um sich selbst das Leben zu nehmen.

Diese Szene konnten die Zuschauer der ARD im „Tatort“ vom letzten Sonntag verfolgen. Der Kommisar – wie immer brillant von Ulrich Tukur gespielt – hat es in dieser Folge mit einem Psychopathen zu tun, der ihm erklärt, dass es kein Entrinnen gibt, wenn bereits der Vater unter Depressionen litt und sich das Leben nahm.

 Doch ist das tatsächlich so? Sind Depressionen vererbbar? Droht jedem, dessen Eltern depressiv waren, das gleiche Schicksal?

Depressionen treten familiär gehäuft auf
Ist in einer Familie ein oder beide Elternteile von Depressionen betroffen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder im Laufe ihres Lebens ebenfalls an einer Depression erkranken, deutlich erhöht. Allerdings spricht man bei einer Depression von einer sogenannten multifaktoriell bedingten Krankheit. Gemeint ist damit, dass sich die Erkrankung nicht auf eine eindeutige Ursache zurückführen lässt. In der Regel sind mehrere Faktoren notwendig, damit eine Depression tatsächlich ausbricht. Eine Depression wird auch nicht wie eine Erbkrankheit an die Kinder weitergegeben. Es ist noch keine genetische Veränderung bekannt, die mit der Entstehung von Depressionen ursächlich in Verbindung gebracht werden könnte.

Es scheint aber so, dass einer der Faktoren, die zur Entstehung einer Depression beitragen, genetischer Natur zu sein könnte. Dieser Faktor löst nicht selbst die Depression aus, sondern erhöht nur die Anfälligkeit (Vulnerabilität) der Betroffenen. Das heißt: Jemand, der diesen Faktor in sich trägt, muss nicht zwangsläufig an einer Depression erkranken. Kommen jedoch weitere belastende Faktoren hinzu, tragen die Betroffenen ein höheres Risiko mit einer Depression zu reagieren als andere. Das Vulnerabilität – Stress Modell beschreibt diesen Zusammenhang. Keiner der Faktoren (Vulnerabilität / Stress) allein löst eine Depression aus. Kommen jedoch beide zusammen, kann eine depressive Erkrankung entstehen.

Man geht davon aus, dass die Vulnerabilität für Depressionen von Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden kann. Im Fall der Depression handelt es sich allerdings um eine sogenannte „genetisch komplexe“ Vererbung. Das bedeutet, sie treten familiär gehäuft auf, folgen aber nicht dem Muster der klassischen Vererbungslehre. Kurz gesagt: Man hat bisher kein Depressions-Gen und keine Genmutation gefunden, die man eindeutig der Vulnerabilität für Depressionen zuordnen könnte.

 

Bei der Erforschung dieser Zusammenhänge untersucht man aus naheliegenden Gründen häufig eineiige und zweieiige Zwillinge. Und tatsächlich hat man herausgefunden, dass wenn ein Zwilling an einer Depression erkrankt, auch sein eineiiger Zwilling eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung hat. Noch höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass beide Zwillinge erkranken bei einer bipolaren Störung. Bei zweieiigen Zwillingen ist die Korrelation deutlich geringer. Allerdings gilt auch hier: Erkrankt ein Zwilling, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass der andere ebenfalls erkrankt. Lediglich die Wahrscheinlichkeit ist erhöht.

Vererbung scheint bei Frauen häufiger zu sein
In einer kürzlich veröffentlichten Studie fand der Humangenetiker Kenneth Kendler von der Virginia University in Richmond heraus, dass die genetische Vererbung des Risikos, an einer Depression zu erkranken, bei Frauen offenbar häufiger vorkommt als bei Männern. Der Forscher wertete für die Untersuchung die Daten von mehr als 42 000 Zwillingen aus. Dabei fand er heraus, dass in dieser Gruppe 42 Prozent der depressiven Frauen die Erkrankung offenbar von einem Elternteil ererbt hatten. Im Gegensatz dazu trat die Erblichkeit nur auf 29 Prozent der untersuchten Männer zu.

 

Fazit
Man geht also davon aus, dass das Risiko, an einer Depression zu erkranken, von einem oder beiden Elternteilen an die Kinder weitergegeben werden kann. Ein endgültiger Beweis dafür steht allerdings noch aus. Problematisch ist zum Beispiel, dass in vielen Fällen kaum mit Sicherheit gesagt werden kann, warum ein Kind einer depressiven Mutter ebenfalls depressiv wird. Liegt es an den Genen oder daran, dass das Kind in seiner Kindheit eine depressive Mutter erlebt hat? Unter Umständen besteht auch gar kein Zusammenhang. Schließlich erkranken Jahr für Jahr Millionen von Menschen an einer Depression, ohne, dass eine genetische Prädisposition nachgewiesen werden könnte.

Wer selbst aus einer Familie stammt, in der schon depressive Erkran-kungen aufgetreten sind, sollte das im Auge behalten, wenn er bei sich selbst Stimmungsveränderungen feststellt. Es ist in solchen Fällen noch mehr als ohnehin schon darauf zu achten, Risikofaktoren wie zum Beispiel übermäßigen Stress zu vermeiden und möglichst gesund zu leben. Aufgrund der Möglichkeit oder gar Wahrscheinlichkeit der Vererbung sollten Kinder aus familiär vorbelasteten Familien in jedem Fall aufmerksam beobachtet werden. Denn Depressionen gibt es nicht nur bei Erwachsenen. Sie können bereits im Kindes- und Jugendalter auftreten.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus unserem Buch Depressionen - erkennen - verstehen - überwinden von Alexander Stern.
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